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von Vivian Lion, Pastoralassistentin im Dekanat Remagen-Brohltal

Social Distancing

Ein wahres Unwort – social distancing. Distanz zu den Menschen, die ich sonst regelmäßig oder zumindest immer mal wieder sehe. Da ergeben sich Gespräche, da lacht man, man sieht und spürt, wie es dem/der Anderen geht.

Aber jetzt sehe ich die Leute online. Oder höre sie nur. Auch okay. Manches bleibt auf der Strecke, vieles geht trotzdem.

Aber noch mehr als sonst ist es ein kleiner Akt, Menschen anzurufen, sich zu verabreden. Ich muss aktiv auf sie zugehen oder warte, dass ein Lebenszeichen von ihnen kommt.

Ist Gott auch im social distancing? Weil wenn ja, dann finde ich, er könnte sich auch mal melden. Mit ihm hab ich nämlich schon lange kein intensives Gespräch mehr geführt. Ob er aktives social distancing macht? Ist er auch im Lockdown?

Mir persönlich ist bewusst, dass Gott nicht einfach schweigt. Aus Erfahrung weiß ich, dass er sich immer irgendwie und irgendwo anbietet – ich muss es nur schaffen, hinzuhören und mich innerlich zu öffnen. ICH muss also die äußeren Umstände so bearbeiten, dass ich ins Gespräch kommen kann. Und das ist der Knackpunkt. Ich muss ja gerade bei allem die äußeren Umstände ändern und mich auf Neues einstellen, um mit Menschen in Kontakt zu kommen und zu bleiben. Das ist anstrengend und herausfordernd.

Da wäre es zur Abwechslung ganz nett, wenn da mal ein Zoom-Link von Gott käm. Oder eine Einladung zu Among us. Und ein ehrliches Gespräch, in dem mir Gott sagt: „Ganz schön scheiße grad. Kann dich gut verstehen. Weiß auch keine Antwort.“

von Mechthild Peters

Wo ist Gott? Was macht Gott?

Im Krankenhaus lerne ich immer wieder Menschen mit schweren Schicksalen kennen. Obwohl uns zur Zeit ja Corona grade genug belastet, erkranken Menschen an Krebs oder das Herz will nicht richtig oder ein gebrochener Fuß führt bei einer Diabetikerin zu unendlich vielen Problemen und zu 4 Monaten Krankenhausaufenthalt.

Die meisten erzählen erst mal etwas, wie sehr sie belastet sind, dass sie so viele Therapien machen müssen, dass sie Angst vor Schmerzen haben und sich nach Besuch sehnen.

Viele regulieren sich dann aber selbst und meinen, dass es im Krankenhaus bestimmt Menschen gibt, die noch schlechter dran sind als sie selber. Vielleicht haben sie auf der Intensivstation jemanden gesehen oder sie nehmen es einfach an. Damit wollen sie sich selbst Mut zusprechen, nach dem Motto: sei mal ganz zufrieden, anderen geht es noch schlechter.

Manche fragen sich aber tiefer. Sie nehmen Anstoß an der Botschaft vom guten Gott, der „alles so herrlich regieret“. Sie fragen sich, warum Gott das ganze Elend zulässt.

Straft ER mich? Ich hab doch eigentlich nichts so Schreckliches verbrochen, dass ich solche Strafe verdient habe.

Ja, das sehe ich auch so. Was soll das für ein Gott sein, der Menschen schlimmer bestraft als jedes ordentliche Gericht das tun würde?

Ist es IHM egal?

Sitzt ER da im Himmel und sieht alles und raucht Pfeife oder hört Musik?

Das wäre wirklich gemein.

Jemand, der so handelt, kann doch nicht Gott sein.

Jedenfalls nicht, wenn wir uns unter Gott eine gute Kraft, eine große Inspiration, ein offenes Ohr für jede Not vorstellen.

Könnte ER alles zum Guten wenden und macht es nicht? Wer glaubt, dass Gott allmächtig ist, der kommt ja schon ins Grübeln, warum ER Kinder verhungern lässt oder an Krebs sterben oder im Mittelmeer ertrinken. Vielleicht ist ER nicht allmächtig? Oder ER ist nicht gut?

Aber wenn ER nicht gut ist, kann ER dann Gott sein?

Das sind Fragen, auf die es erst mal keine Antwort gibt.

 

Manchmal stelle ich mir vor, dass ich nach meinem Tod im Himmel,  in der Nähe Gottes, die Möglichkeit habe, Ihn zu fragen. Vielleicht gibt ER eine Antwort.

Kirche und Religion – eigentlich sind sie dazu da, um Menschen Antwortmöglichkeiten auf wichtige Lebensfragen zu geben, entscheidende Lebensabschnitte zu feiern und vor allem in den richtigen Momenten Trost zu spenden.

Trost scheint jedoch gerade für so manchen eher wie eine Ver-Tröstung. Hoffnung wie eine leere Botschaft. Sicher kann man in jeder schwierigen Situation auch gute Aspekte erkennen und einigen gelingt es womöglich, optimistisch zu bleiben.

Aber wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass es einfach auch Momente gibt, in denen selbst der tiefgläubigste Christ und die frömmste Christin keine hoffnungsvolle Antwort mehr parat hat. Und das ist okay. „Nur wer klagt, der hofft“, heißt es in einem Artikel auf feinschwarz.net. Und klagen heißt auch kritische Anfragen stellen. An die Welt, an die Gesellschaft, aber eben auch an Gott. Wo ist er in der Coronakrise? Was macht er im Lockdown? Wie zeigt sich denn, "dass er immer für uns da ist?"

In dieser Fastenzeit widmen sich sieben Christinnen und Christen diesen und anderen Fragen. Jeden Fastensonntag und an Karsamstag posten wir hier einen ihrer Texte.